Boxtrainer

Beginn: Im November 2001 besuchte ich als Zuschauer auf Wunsch eines Bekannten einen Trainingsabend der Boxabteilung der TG 75 in Darmstadt. In einer ruinenhaften, zerfallenen Fabrikhalle traute ich meinen Augen kaum als dort ca. 10 fleißige Jungen und Mädchen, überwiegend ausländischer Herkunft, bei Minustemperaturen in einem kleinen unbeheizten Raum ohne Waschmöglichkeit, ohne WC trainierten. Sie suchten einen Trainer. Einige der Aktiven war die 21 jährige Addis Feleke, der 23 jährige Eugen Rempel, der 14 jährige Hafid Bouji (18.2.87) in 5 Kämpfen 5 Mal siegreich und der 16 jährige Jack Culcay (29.9.85) mit 10 Niederlagen in 20 Kämpfen.

 

Zustand: Die Studentin Addis Feleke und der Student Eugen Rempel waren Lernbesessen. Hafid Bouji beeindruckte mich durch seine extreme Schnelligkeit. Der boxerisch total vermurkste Jack Culcay, dessen Laufbahn schon beendet schien bevor sie überhaupt erst richtig angefangen hatte, beeindruckte mich durch seine Auffassungsgabe und Umsetzungskraft. Die restlichen Aktiven waren überwiegend Hobbyboxer.

 

Verantwortung: Ich erinnerte mich sofort an meine Jugend bei Tennis Borussia Berlin. Damals hatte ich das Glück von dem späteren Bundestrainer Dieter Wemhöhner (1957 bis 1962) das wesentliche des Boxsports gleich richtig zu erlernen. Danach wurde ich vom Bubi Scholz Trainer Lado Taubeneck (1962 bis 1971) weiter trainiert. Da hier in Darmstadt dringend jemand gebraucht wurde blieb mir keine andere Wahl, ich übernahm sofort das Training.

 

Ziel: Schon im März 2002 nannte ich dann mein Ziel: Die olympischen Spiele 2008 in Peking

... alle lächelten …. Nach den olympischen Spielen wollte ich dann meine Trainertätigkeit beenden.

 

Philosophie: Das Maß aller Dinge im Boxsport bleibt für mich Bubi Scholz. Ich habe viel von ihm in den gemeinsamen letzten drei Trainingsjahren seiner Laufbahn (1962/63/64) gelernt … und noch viel, viel mehr erkannt. Leider konnte ich nur einen Teil davon umsetzen. Bald wurde mir klar dass ich Jack Culcay in die Lage versetzen könnte, das Blocken, Kontern und in den Schlag reingehen genau so perfekt zu beherrschen wie es Bubi Scholz einmal konnte. Leider trennten sich unsere Wege 2005 und damit auch der Traum vom Pekinggold.

 

Story: Hauptsponsor Johann S. hatte seine kleine leere Fabrikhalle kostenfrei zur Verfügung gestellt. Er bezahlte für uns die Müllabfuhr, den Strom und korrekt alle meine Fahrtkosten, auch zu den Wettkämpfen in ganz Deutschland. Zwei Mal in der Woche trainierten wir anfänglich in einer kleinen Gruppe. Daraus wurden im Laufe der Zeit drei Trainingstage in der Woche mit je zwei Gruppen mit bis zu 30 Jungen und Mädchen. Der Boxring, die Hanteln, einige Geräte, die Materialkosten, herausbrechen vom Wänden und die „Sanierung“ der Räumlichkeiten, sowie kleinere spontane Prämien (Bademäntel, Boxhandschuhe u. s. w.) wurden ausschliesslich durch meinen persönlichen Einsatz und meinem Freundeskreis erbracht. Im Winter habe ich alleine die Fusswege zur Halle mit einer kleinen Haushaltsschippe freigeschaufelt. In einem benachbarten Biergarten durften wir die Toiletten benutzen. Wer zu früh oder spät zum Training kam, wer nicht grüsste oder zu freundlich grüßte musste Kniebeugen machen. Im Extremfall (ver)zählte ich selbst und aus 10 wurden dann leicht 30 oder weit mehr Kniebeugen, alle machten mit. Wir waren eine tolle, hoch motivierte Truppe haben erfolgreich Probleme aller Art (Lehrstellen, Schule, Schularbeiten, kleine Vergehen) gelöst und dafür auch einen datierten Förderungspreis (HSE) für Integrationsarbeit von hoher Qualität erhalten.

Erwähnenswert sei noch das ich im Jahre 2002 mit Jack Culcay alleine nach Berlin zu den deutschen Junioren Meisterschaft gefahren bin, vom Verband aber nur dem Jack eine Schlafstelle zur Verfügung gestellt wurde.

 

Anfangserfolge: 1 Deutscher Vizemeister (Hafid Bouji)

  1 Nationalmannschaftskampf (Hafid Bouji)

  2 Südwestdeutsche Meister (Hafid Bouji, Jack Culcay)

  1 Hessenmeisterin Frauen (Addis Feleke)

  6 Hessenmeister Männer ( 3 x Hafid Bouji, 2 x Jack Culcay, 1 x Viktor Saretzki)

  1 Deutscher Hochschulmeister (Mike Freund)

 

Nachwehen: Eugen Rempel wurde Hessenmeister 2007. Hafid Bouji wurde 2007 Euromeister im Fliegengewicht. Jack Culcay wurde 2009 Boxweltmeister im Weltergewicht und ist der Leistungsträger des deutschen Amateurboxverbandes.

 

Allein gelassen: Jungen und Mädel im Alter ab zwölf Jahren hatten im Winter, nass geschwitzt und ungewaschen nach dem Training teilweise einen langen Nachhauseweg. Als fürsorgepflichtiger Trainer war dieser Zustand mit meinem Gewissen kaum noch zu vereinbaren und belastete mich sehr. Er war den Eltern bekannt, wurde von mir aber nur mitgetragen weil uns immer wieder eine andere Trainingsstätte in Aussicht gestellt wurde. Auch das Vorhaben unseres Hauptsponsors Johann S. den An – und Umbau an die vorhandene Turnhalle der TG 75 komplett zu bezahlen wurde nicht entsprechend respektiert. Der Unfalltod meines Sohnes Timo hat mich dann schrittweise zurückgeworfen, nachdem auch die Presse ihrer Informationspflicht nicht nachgekommen war, habe ich die Notbremse gezogen und schweren Herzens meine Trainertätigkeit, mit Tränen in den Augen, 2005 aufgegeben.